Saturday, 13. december 2008 6 13 /12 /Dez. /2008 15:18
- von mumie99 - veröffentlicht in: Kino, TV, DVD

Free Rainer In den letzten Wochen habe ich mich ja intensiv in meinem Seminar an der Uni mit Medienarbeit in der Schule auseinandergesetzt. Dieses Seminar fand nun seinen Höhepunkt in der abschließenden Filmpräsentation des Films Free Rainer. Es handelt sich bei diesem Film um eine deutsche Mediensatire des österreichischen Regisseurs Hans Weingartner aus dem Jahre 2007. Der deutsche Film mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle kommt im Querschnitt der Kritiken, die ich so gelesen habe, eher nur mittelmäßig bis schlecht weg. Eine Tatsache die ich absolut nicht nachvollziehen kann. Mir und den knapp 30 anderen Studenten hat der gnadenlos überzogene Film sehr gut gefallen.

Der Film dreht sich primär um den Fernsehproduzenten Rainer (gespielt von Moritz Bleibtreu), dessen Shows und Formate zwar an Dämlichkeit nicht zu übertreffen sind, sich aber dennoch der höchsten Einschaltquoten erfreuen. Aber trotz des vermeintlichen beruflichen Erfolgs ist Rainer nicht glücklich und gibt sich exzessiv dem Alkohol und den Drogen hin. Er führt ein bemitleidenswertes Leben im Schatten der Quote, die ihm gnadenlos aufoktroyiert, was die deutsche Fernsehlandschaft im Unterschichtenfernsehen sehen möchte.

In diesen Kontext wird der Zuschauer am Anfang des Films unvermittelt geworfen, man erlebt einen rücksichtlosen und arroganten Rainer und sieht sein stumpfes Leben, das er nur im verkoksten Zustand ertragen kann. Die Spirale der Rücksichtslosigkeit und Gewalt gegen sich selbst und andere dreht sich kontinuierlich, bis zum Auftauchen von Pegah (Gespielt von Elsa Sophie Gambard), die mit Vollgas in sein Auto rast. Dem Tode gerade noch mal knapp von der Schippe gesprungen, reflektiert Rainer sein Leben und seine Arbeit und erkennt, dass niemand so blöde ist, wie die Shows, die er produziert.

Diese Erkenntnis lässt ihn die Seiten wechseln und er erklärt der volksverdummenden Unterhaltungsindustrie, die das Ziel hat Menschen so an Dreck zugewöhnen, dass sie irgendwann Dreck sehen wollen, den Krieg. Durch das Geld, dass er durch den Verkauf von Dingen aus seinem alten Leben erwirtschaftet hat, rekrutiert sich Rainer gemeinsam mit Pegah ein Team, bestehend aus sozialen Außenseitern, die keine bis kaum Perspektiven in ihrem Leben haben. Gemeinsam wollen sie sich die Einschaltquote zu Nutze machen und über die Manipulation von Quotenboxen die Einschaltzahlen nach ihrem Willen verändern und somit das Fernsehprogramm nachhaltig aufwerten.

In einer haarsträubenden und sehr riskanten Guerilla-Aktion beginnt ihre Fernsehrevolution, die das moralische Empfinden der Menschen retten soll, bevor es völlig kaputt gemacht worden ist und die Zuschauer es normal finden, wenn es im Fernsehen nur Talk-Trash-TV-Scheiß und Titten zu sehen gibt...

Soweit der ungefähre Handlungsüberblick. Die Handlung des Films hat mir ausgesprochen gut gefallen und die Idee die Fernsehquote und deren Endstehung kritisch zu hinterfragen, sprach mich durchaus an. Im Übrigen gefiel mir der Film derartig gut, dass ich mir den Film, im Anschluss an das Seminar, selbst auf DVD zugelegt habe.

Wenn man die DVD-Hülle öffnet, gibt die Innenseite des Rückencovers ein paar sehr interessante Thesen preis, die in der Folge in dem Film thematisiert werden:

Die TV-Quoten in Deutschland werden laut offiziellen Angaben mit „Quotenboxen“ gemessen. Das sollen Geräte sein, die in 5500 Haushalten registrieren, was dort gerade läuft.

Kennen Sie jemanden, der eine Quotenbox besitzt?

Kennen Sie jemanden, der jemanden kennt, der eine Quotenbox besitzt?

Können Sie sich vorstellen, dass es diese Boxen gar nicht gibt?

Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet?

Genau hier setzt der Film an und er gefiel mir vermutlich deshalb so gut, weil ich selbst niemanden kenne, der so eine Box besitzt. Darum lass ich mich aber auch gerne vor den Verschwörungstheorie-Karren spannen, schließlich sitzt nicht das Galileo-Mystery-Team mit seinen unerträglichen Illuminaten-Querverweisen am Steuer, sondern Hans Weingartner, der schon erfolgreich feststellte: Die fetten Jahre sind vorbei.

Lässt man sich also in der Folge auf das Drehbuch ein, dem man eventuell vorwerfen könnte, dass die Wandlung vom Saulus zum Paulus zu schnell bei Rainer vonstatten geht, bietet sich ein runder Film, der sowohl mit Witz als auch mit Charme zu glänzen weiß. Dadurch, dass der Zuschauer den Überlegungen der sympathischen TV-Terroristen beiwohnen kann, verliert der Streifen etwas an Überraschungsmomenten und wird stellenweise vorhersehbar. Allerdings wird man durch einen grandiosen Schluss für alles mehr als entschädigt!

Das ständige Legen des Fingers in die Wunden der Gesellschaft im Bezug auf das Fernsehkonsumverhalten kehrt keinesfalls zu oft wieder, schließlich kann man in Zeiten von A Shot at Love with Tila Tequila oder ähnlichem Trash-TV nicht oft genug den mahnenden Spiegel vorhalten. Wie schon erwähnt überzieht der Film stellenweise gnadenlos und auch das Auswahlverfahren der Gesellschaft für Konsumverhalten wird so zurechtgebogen, dass es in das düstere Bild der Medienlandschaft im Film passt. Aber warum auch nicht, Satire lebt vom Übertreiben und es trifft ja eigentlich auch die Richtigen. Formate wie Big Brother oder Deutschland sucht den Superstar werden unterschwellig torpediert oder sogar noch durch fiktive Sendungen überboten. Alles zusammen führt dazu, dass man fast schon von seinem eigenen Fernseh-Glauben abfällt und sehr mit den Protagonisten mitfühlen und deren dubiose Aktionen geistig unterstützen kann. Schwimmt man auf dieser Welle weiter mit, die sich quasi als roter Faden durch den Film zieht, trifft man wohl ziemlich genau die Absicht der Macher, die den Film sicherlich bewusst derartig polarisierend gestaltet haben, dass eine klare Sympathienverteilung recht früh geklärt ist.

Das Ganze wird noch durch die einzelnen Figuren im Film kräftig unterstützt. Nachdem Rainer sich quasi befreit hat und in Che-Guevara-Manier agiert, teilen sich alle Figuren in zwei Lager auf. Zum einen wären da die eiskalten, gefühlsarmen, hirntoten, koksenden und berechnenden Fernsehleute und zum anderen die sympathischen und sozialen Hartz-4-Empfänger, die mit Pegah und Rainer ein Team formen. Obwohl die Mitglieder der Aktionsgruppe nicht unterschiedlicher sein können, nahm ich ihnen den gemeinsamen Nenner ab und ich fand das Handeln unter der Regie von Rainer durchaus glaubwürdig und gelungen.

Nachdem ich mich in den letzten Jahren eher den amerikanischen Produktionen zugewannt hatte, habe ich ja die deutschen Produktionen in diesem Jahr für mich entdeckt. Free Rainer kann sich sehr gut in die Reihe der erstklassigen Produktionen aus Deutschland einreihen und befindet sich dann unter anderem mit Wo ist Fred und keinOHRhasen in guter Gesellschaft.

Abschließend spreche ich die Empfehlung für Free Rainer nicht nur für Satire- und Verschwörungsfreunde aus, sondern der Film eignet sich für alle Fernsehfreunde, die ab und an den Kopf über das Fernsehprogramm schütteln und Marcel Reich-Ranicki mit seiner Kritik stellenweise nachfühlen können.

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann sich den Trailer zu Gemüte führen und über die Filmzitate nachdenken:

Filmzitate aus Free Rainer:

Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.' Weißt du, von wem das ist'? Adolf Hitler: 'Mein Kampf'

Free Rainer
Das Geld war schon immer der Anfang vom Ende jeder Revolution!

Das geht alles nur, weil wir hier bei uns keine Todesstrafe haben. Mein Mann sagt das auch immer. Das deutsche Rechtssystem ist doch viel zu lasch. Die sollten mal den Günther Jauch an die Regierung lassen, der wüsste, wie man unsere Probleme löst

Darsteller:
Moritz Bleibtreu, Elsa Sophie Gambard, Milan Peschel, Simone Hanselmann, Gregor Bloeb, Franziska Knuppe, Us Conradi, Tom Jahn, Robert Viktor Minich, Ralf Knicker, Andreas Brandt, Irshad Panjatan, Doris Goldpashin, Vinzenz Kiefer, Peer Jäger, Valentin Platareanu, Leily Timmner

Kino-Start (D):

15.11.2007

Laufzeit: 129 Minuten

Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Trailer:
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Hast du eine Familie? Nein, derzeit nur eine Partnerin aber keine Kinder. Sonst wären die Weltreisen wohl kaum möglich..

 
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